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Im Fokus beim Bremer Talk: Klinische Ernährung und Reha bei langliegenden ICU-Patienten

29. April 2021

Bad Homburg, 29. April 2021 – Für das diesjährige virtuelle Symposium Intensivmedizin + Intensivpflege, dem „Bremer Talk“, waren die leitliniengerechte Ernährung und die frühen Rehabilitationsmöglichkeiten bei langliegenden Intensivpatienten – auch COVID-19-Erkrankten - ein wichtiges Thema. Eine frühe Mobilisierung in Kombination mit optimierter klinischer Ernährung kann diesen langfristigen Folgen einer schweren Erkrankung entgegenwirken – hierfür setzt sich Fresenius Kabi insbesondere in der gegenwärtigen Pandemie-Situation ein.

PD Dr. Gunnar Elke, Oberarzt an der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein am Campus Kiel, und Prof. Dr. Stefan J. Schaller, stellv. Direktor der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin der Charité - Universitätsmedizin Berlin, zeigten über 140 Teilnehmern des virtuellen Satellitensymposiums im Rahmen des „Bremer Talk“ die Möglichkeiten und den aktuellen Wissensstand zur nutritiven und früh-rehabilitativen Versorgung kritisch kranker Patientinnen und Patienten für ein besseres klinisches und funktionelles Outcome auf.

Intensivstation: Vom Erfolg zu den Folgen
Einem Aufenthalt auf der Intensivstation kann ein jahrelanger substanzieller und persistierender Verlust physischer, psychischer und kognitiver Funktionen folgen1. Das sogenannte Post Intensive Care Syndrom (PICS) ist nicht nur mit langfristigen Einschränkungen der Lebensqualität, sondern auch mit erhöhter Langzeitmorbidität und Rehospitalisierungsrate im ersten Jahr verbunden1. Das Muskelschwäche-Syndrom (ICUAW) ist ein Teil des PICS und betrifft insbesondere die Extremitäten- und die Atemmuskulatur2. Das durch Polyneuropathie und Myopathie gekennzeichnete Syndrom führt vorwiegend zu motorischen Defiziten und einer symmetrischen Parese3. In 50 % der schweren COVID-19-Fälle tritt zudem eine Dysphagie auf. Mit einer optimierten Ernährungsintervention und einem möglichst frühzeitigen Beginn rehabilitativer Maßnahmen kann diesen gravierenden Folgen entgegengetreten werden.

Leitliniengerechte Ernährung in COVID-19-Zeiten
Ob nach ESPEN3,4,  - oder DGEM-Leitlinie : Eine optimierte Ernährung in der Intensivmedizin kann die Katabolie eindämmen und die Verschlechterung des Ernährungszustandes verhindern. Der erste Schritt dazu ist ohne Frage die Ermittlung des Energieumsatzes. Ist eine Messung mit Hilfe der indirekten Kalorimetrie nicht möglich, sollte das kalorische Ziel bei nicht adipösen
Patienten (BMI <30 kg/m2) in der Akutphase mit 24 kcal/kg/Tag geschätzt werden.

In der Postakutphase – nach DGEM-Leitlinie ab Tag 75 – empfiehlt Dr. Elke eine Erhöhung der Kalorienzufuhr auf 36 kcal/kg/Tag. Auf diese Weise kann ein höherer Energiebedarf, der beispielsweise in der Spätphase von COVID- 19-Erkrankungen durch Hypermetabolismus bedingt häufig auftritt6, aufgefangen und einer Mangelernährung vorgebeugt werden. Auch die Proteinzufuhr kann nach der Akutphase erhöht werden: Während sie zunächst mit 1,0 g/kg/Tag berechnet wird, kann sie bei gleichzeitiger Mobilisation auf bis zu 1,6 g Protein/kg/Tag angehoben werden5.

Dabei gilt: In allen Krankheitsphasen ist die enterale Ernährung der parenteralen Applikation vorzuziehen5. Dr. Elke betont: „Besonders Patienten in der Postakutphase können von einer optimierten Ernährungsintervention
profitieren.“ Um langwierige Folgen für den Muskel- und Skelettapparat zu minimieren, kann die Ernährungsintervention schon in der Akutphase durch physische Aktivierung unterstützt werden.

Frühe Mobilisation unterstützt Ernährungstherapie
Fünf Punkte definieren die Qualität der Skelettmuskulatur: Muskelmasse, Muskelkraft, Ausdauer und Ermüdbarkeit, Regenerabilität sowie Funktionalität. Prof. Schaller stellt klar: „Der Skelettmuskel ist für das langfristige funktionelle Outcome wesentlich.“ Ein wichtiger Faktor, um neben der Muskelmasse auch die Funktionalität der Skelettmuskulatur zu erhalten, ist die optimierte klinische Ernährung.

Wie auch die ESPEN in ihrer Leitlinie schreibt, kann physische Aktivität den Effekt der Ernährungstherapie begünstigen4. Dies kann wie Studien zeigen beispielsweise durch eine Frühmobilisation innerhalb von 72 Stunden nach Aufnahme auf die Intensivstation erreicht werden7,8. Auch wenn die ICUAW durch physische Aktivierung nicht direkt beeinflusst wird, kann die Frühmobilisation den Muskelabbau verhindern und die Funktionalität erhalten. Diesen zentralen Aspekt für den Patienten stellt Prof. Schaller heraus: „Die Funktionalität des Muskels ist für den Intensivpatienten wesentlich: Ihn interessiert, ob er weiterhin selbstständig laufen kann.“


Quellen:
1 Rousseau et al. Crit Care. 2021; 25 (1):108.
2 Friedrich et al. Physiol Rev. 2015; 95 (3):1025-1109.
3 Barazzoni R et al. Clin Nutr. 2020; 39 (6):1631-1638.
4 Singer et al. Clin Nutr. 2019; 38 (1):48-79.
5 Elke G et al. Aktuel Ernährungsmed. 2018; 43:341-408.
6 Whittle J et al. Crit Care. 2020; 24 (1):581.
7 Schweickert WD et al. Lancet. 2009; 373 (9678):1874-82.
8 Schaller SJ et al. Lancet 2016; 388 (10052):1377-1388.